Mehr als 30 Tage lang war der Hamburger Tobias Schlegl auf dem wohl berühmtesten Pilgerweg der Welt, dem Jakobsweg, unterwegs. Zusammen mit seiner 73 Jahre alten Mutter. Sie hatte den Traum vom Pilgern in Spanien schon länger. Und er wollte seine Mama neu kennenlernen. Die Reise von Pamplona nach Santiago de Compostela hat beide an ihre Grenzen gebracht. «Der Jakobsweg schmerzt wirklich. Ich will das nicht romantisieren. Es war wirklich ein großes Leiden», sagte Moderator, Autor und Notfallsanitäter Schlegl der Deutschen Presse-Agentur.
Über die gemeinsame Zeit auf dem Klassiker-Pilgerweg hat der 47-Jährige ein Buch geschrieben. «Leichtes Herz und schwere Beine» erscheint am 4. April im Piper-Verlag.
Tobias Schlegl und seine Mama Sieglinde sind gemeinsam in 34 Tagen mehr als 700 Kilometer gelaufen. Eine Wanderung, die Glücksrausch und Trost ebenso enthielt wie Verzweiflung und Wut - und die beide wieder zusammengebracht hat. «Meine Mutter hat mich überrascht. Sie ist viel lustiger und abenteuerlustiger, als ich je vermutet habe. Sie ist eine unfassbar starke Frau. Im Grunde wusste ich vorher gar nicht, wer sie ist.»
Die Reise mit all ihren Höhen und Tiefen habe die beiden sehr zusammengeschweißt. «Wir haben das Upgrade gemacht, wir haben jetzt blindes Verständnis. Oft reicht ein Blick.» Natürlich habe sich das Mutter-Sohn-Duo auch mal in die Haare bekommen. «Zweimal, dann aber auch so richtig. Insgesamt aber erstaunlich wenig», erinnert sich Tobias Schlegl.
Und noch eins hat die Reise gebracht: «Ich habe jetzt Wanderlust. Ich würde gern auch noch den nördlichen Camino gehen. An der Küste entlang. Allein für den Rausch würde ich es nochmal tun.» Bei der Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela hatte er an Tag 12 «ein regelrechtes Pilger-High, ein Wanderrausch».
Vorbereitet hatte sich der Hamburger auf die Wanderung auf dem Jakobsweg kaum. «Ich habe vorher keine Reiseführer dazu gelesen. Auch das Buch von Hape Kerkeling habe ich nicht nochmal zur Hand genommen.» Er habe vorher nicht wissen wollen, was genau auf ihn zukommen werde. «Ein bisschen Abenteuer muss schon sein. Heute kann ich sagen: Gott sei Dank wussten wir vieles nicht vorher.»
Der Jakobsweg durch das Landesinnere Spaniens gilt als die bekannteste Pilgerstrecke in Europa. Er führt ins spanische Santiago de Compostela. Weite Wiesen, traumhafte Buchten und malerische Dörfer: Der «Camino» gehört zu den beliebtesten Wanderwegen Europas bei Profi-, aber auch Hobby-Wanderern. Für einen größeren Jakobsweg-Hype in Deutschland hatte vor fast 20 Jahren der Komiker und Entertainer Hape Kerkeling mit seinem Buch und Reisebericht «Ich bin dann mal weg» gesorgt.
Die Zahlen der Wallfahrer steigen seit Jahren stetig. Mehr als 430.000 Menschen erhielten 2022 der Pilger-Behörde Oficina del Peregrino zufolge die Ankunftsurkunde, 2024 waren es schon 499.300, darunter waren 23.000 Deutsche. Weil Andacht aber inzwischen nicht mehr im Mittelpunkt steht, gibt es auch immer wieder Frust bei den Bewohnern in Santiago de Compostela.
Das Buch von Tobi Schlegl ist kein Abenteuer-Roman, den Anspruch hat es aber auch nicht. Der Journalist hat noch auf der Wanderung stichpunktartig Tagebuch geführt. «Schlafen, essen, wandern. Und dazwischen leiden, jammern - und natürlich alles genießen», fasst Schlegl selbst mit einem Augenzwinkern zusammen.
Für Menschen, die den Jakobsweg schon gelaufen sind oder das noch vorhaben, ist das durchaus sehr informativ: die kulinarische, selten vegane Versorgung, Gepäckdienste ohne schlechtes Gewissen, übervolle Schlafsäle und Vorabreservierungen per Smartphones. Schlegl selbst hat sich während des Wanderns vor allem von Schokocroissant und Nudeln ernährt. «Vier bis fünf Croissants am Tag habe ich bestimmt in der Zeit gegessen.» Und er mag die Süßigkeit immer noch gern.
Für alle anderen ist es unterhaltsam und lehrreich, denn: Haben wir nicht fast alle Eltern, für die wir uns vielleicht doch zu wenig Zeit nehmen? Im Grunde ist das die Botschaft des Buches. «Das große Thema ist, seine alternden Eltern kennenzulernen, bevor sie zu alt sind. Vielleicht kann das ja auch andere inspirieren. Es muss ja nicht der Jakobsweg sein.» Zwar hätte die Wanderung auch ihm selbst geholfen, seinen Akku aufzuladen, Stärke zu finden und düstere Gedanken zu vertreiben. «Aber ich wollte ja eigentlich nicht mich kennenlernen, sondern meine Mutter.»
«Leichtes Herz und schwere Beine» ist unterhaltsam geschrieben. Man folgt Schlegl gern beim fast schon journalistisch-neugierigen Entdecken der verschiedenen Orte auf der 34 Tage langen Reise. Es zeigt aber auch, wie unterschiedlich Kinder und Eltern oft funken. Und wie viel leichter und schöner das Miteinander werden kann, wenn man sich mal für mehrere Tage ohne Ablenkung aufeinander einlässt und sich aufeinander verlassen muss.
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