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Neuffener Realschülerin spricht mit einer Reittherapeutin

Im Interview erfährt sie, wie Pferde auf unsere Gefühle reagieren und wie sie unsere Gefühle spiegeln.

Das sind die Pferde von Reitthearpeutin Janine Lebküchner. Foto: zis

NEUFFEN. Marie Schaich hat Janine Lebküchner, Reittherapeutin vom Lindenhof in Ohmden interviewt.

Können Pferde unsere Gefühle verstehen?

Ganz klar ja, die Voraussetzung dafür ist, dass wir den Pferden die Fähigkeit zuschreiben, Gefühle zu haben. Durch die Körpersprache der Pferde können wir zunächst einmal erkennen, wie es ihnen geht. Pferde untereinander können auch erkennen, wie es einem anderen Pferd geht, und das können sie auch bei uns Menschen. Pferde spüren, ob unser Herz schnell schlägt, ob unsere Atmung flach wird oder ob wir angespannt sind. Auch wenn wir traurig sind, erkennen Pferde das an unserer Körpersprache. Pferde reagieren auf unsere Gefühle und spiegeln diese, sind wir ängstlich, werden auch die Pferde unruhig und geben uns dadurch eine Rückmeldung über unsere Gefühle.

Kannst du uns etwas über deine Pferde erzählen?

Im Moment habe ich sechs Pferde, davon zwei Isländer, eine Paint Horsestute, ein Welsh Pony, ein Forest Pony und ein deutsches Reitpony. Naira war mein erstes Pferd, und mit der Zeit wurde die Herde immer größer, sodass für jedes Kind ein passendes Pferd dabei ist. Alle Pferde sind im Offenstall, können rein und rausgehen, wie sie möchten, und haben immer Kontakt zu anderen Pferden.

Wie kam es dazu, dass du Reittherapeutin geworden bist?

Tatsächlich wollte ich schon immer Reittherapeutin werden, weil ich früh gemerkt habe, dass mir die Pferde selber sehr viel geben und guttun. Zunächst hatte ich aber keine passenden Bedingungen und habe dann beschlossen, soziale Arbeit zu studieren, mit dem Hintergedanken, dass es eine gute Voraussetzung ist, um später als Reittherapeutin arbeiten zu können. Im Laufe der Zeit bin ich dann auf den Lindenhof gekommen und alles Weitere hat sich ergeben.

Benötigt man dafür eine besondere Ausbildung?

Eigentlich nicht, da Reittherapie kein geschützter Begriff ist und im Prinzip jeder als Reittherapeut arbeiten kann. Sinnvoll wäre auf jeden Fall eine Grundausbildung in einem sozialen, pädagogischen, psychologischen oder therapeutischen Beruf und eine Weiterbildung im Bereich Reittherapie.

Welche Probleme haben die Kinder und Jugendlichen, die zu dir kommen?

Zu mir kommen viele Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 17 Jahren mit ganz unterschiedlichen Problemen und Bedürfnissen. Viele haben Probleme im sozialen und emotionalen Bereich. Sie sind ängstlich und unsicher, haben wenig Selbstvertrauen und Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. In der Reittherapie hilft es den Kindern, gezielt ihre Stärken zu fördern und Selbstvertrauen aufzubauen.

Wie läuft eine Therapiestunde ab?

Da viele verschiedene Kinder zu mir kommen, ist jede Stunde individuell gestaltet. Wichtig ist dabei immer eine gewisse Routine und Struktur, das gibt Sicherheit. Zu Beginn steht immer die Begrüßung und Kontaktaufnahme zum Pferd, anschließend wird das Pferd manchmal gefüttert und dann gestriegelt und geputzt. Dann geht es entweder auf den Reitplatz oder in den nahegelegenen Wald. Dort finden dann Übungen, Parcours und Bodenarbeit mit dem Pferd statt, manchmal mit Halfter und manchmal auch ganz frei.

Bringen die Kinder und Jugendlichen auch Ideen ein?

Viele Kinder kommen mit eigenen Vorstellungen hier her, wie sie sich eine Beziehung zum Pferd vorstellen. Vertrauen und Freundschaft spielt dabei eine große Rolle, aber auch ein bisschen Ponyabenteuer. Ich versuche, das immer aufzugreifen, weil ich ganz wichtig finde, dass Kinder eigene Ideen haben. Was man sich selber als Ziel setzt, das motiviert einen viel mehr, als etwas Vorgegebenes. Eigene Ideen zu haben, bringt die Kinder auch in ihrer Entwicklung weiter.

Wie baust du eine Beziehung zwischen dir, Kind und Pferd auf?

Ich baue über das Pferd eine Beziehung zum Kind auf, das Pferd ist sozusagen der Eisbrecher für die Kinder. Es ist viel einfacher, zu einem Pferd Kontakt aufzunehmen, als zu einem anderen Menschen. Tiere haben keine Erwartungen an uns, sie bewerten und kritisieren uns nicht und haben keine Vorurteile, das macht den Kontakt viel leichter. Diesen Kontakt kann ich dann später für mich nutzen. Die Beziehung, die ich zum Pferd habe, ist auch sehr wichtig, weil mich die Kinder dadurch besser kennenlernen und einschätzen können. Wie verhalte ich mich gegenüber dem Pferd, bin ich einfühlsam und verständnisvoll, wie reagiere ich darauf, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es soll?

Könntest du dir vorstellen auch mit Erwachsenen zu arbeiten?

Lange Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, mit Erwachsenen zu arbeiten. Inzwischen arbeite ich aber mit vielen Jugendlichen und habe festgestellt, dass mir das doch gut liegt. Es macht viel Spaß und ist sehr vielfältig, deshalb kann ich es nicht ganz ausschließen, dass ich vielleicht irgendwann auch mit Erwachsenen arbeite.

Was war dein schönstes Erlebnis bei deiner Arbeit?

Das ist erst letzte Woche gewesen, ein siebenjähriges Mädchen, das zu mir kommt, ist sehr ängstlich und unsicher, sie sagt von sich immer, sie kann es nicht. Ich habe ihr dann eine Aufgabe gestellt, die nicht so einfach war und sie gefragt, ob sie Hilfe braucht. Sie wollte keine Hilfe und hat die Aufgabe ganz allein bewältigt. Das war ein sehr schöner Moment, zu sehen, wie das Mädchen an sich glaubt und von sich überzeugt ist.

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